Vortrag Dr. Gerhard Heuschmann am 29.03.08 in Aufkirchen

Rund ums Thema Pferd und die klassische Reitkunst

Moderator: Josatianma

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Ravina
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Beitrag von Ravina »

Zum Thema "Unmut" kundtun gehört ja auch, wie äußert man "Zustimmung". Zumindest während einer laufenden Prüfung darf ja nicht applaudiert werden.
Vor einigen Jahren sah ich in Aachen das erste Mal die offene Wertung, d.h. die Wertnoten werden direkt auf Anzeigetafeln den geneigten Publikum gezeigt. Dort ritt u.a. Seidel auf seinem Schimmel (Namen vergessen, damals noch recht junges Pferd) mit dicken Schnitzern in Laufe des Programms und Piaffen zum Niederknien. Das Publikum gab während der Piaffen anerkennenden Brummtöne (schwer zu beschreiben) von sich, allen war das Vergnügen ins Gesicht geschrieben. Die Töne steigerten sich fast zum Applaus, als von allen Richtern die Wertnote 10 kam. Das Pferd wurde nicht erschreckt und alle wussten, wie es gemeint war.
Die krassen "Gegentöne" kamen bei einer anderen Reiterin, deren Piaffen schlicht und einfach keine waren. Bei der Ausführung herrschte lähmendes Schweigen. Als die Richter für dieses NIchts auch noch 7er Noten gaben, wurde es hektisch - immer noch ohne das Pferd zu stören - aber der Unmut war eindeutig. Als zum Schluss für ein nicht gezeigtes Halten noch einmal von einzelnen Richtern 7er Noten kamen, wurde gepfiffen. Die Prüfung war vorbei - und das Publikum gab seinem Affen Zucker.
Das Ganze hatte mich schwer begeistert.

Anmerkung: Das Herr Seidel mit seinem wunderbaren Pferd nicht vorne platziert war, war meiner Meinung nach damals in Ordnung. Hervorragend waren nur die Piaffen.Aber die auch grandios!

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-Tanja-
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Beitrag von -Tanja- »

Vor drei oder vier Jahren wurde mal in der Schleyerhalle in Stuttgart lautstark das Ergebnis einer sehr bekannten Reiterin ausgebuht. Das war das einzigste Mal, daß ich soetwas auf einem solch großen Turnier erlebt habe. Meist herrscht doch ehrfurchtsvolle Stille... :roll: :wink: ...Oder Stille vor lauter Entsetzen...??? :twisted:
lg, Tanja

Reiten ist nicht weiter schwierig, solange man nichts davon versteht.
Aus: "Vollendete Reitkunst", Dr. Udo Bürger, 1959

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greta j.
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Beitrag von greta j. »

heike61 hat geschrieben:ich persönlich sehe dies so:
wenn ich eine veranstaltung besuche, von der ich im voraus weiß, dass mir einige! der darbietungen absolut nicht gefallen (aus welchen gründen auch immer) besuche ich solch eine veranstaltung in meiner freien Zeit nicht-- punkt--
Ich hab in meinem Leben tatsächlich erst so um die 3, max. 4 Turniere live gesehen, eins in unserer ländlichen Gegend hier und die anderen so kurz mal nebenbei auf einer Messe.
Die nächste Messe steht im Mai an und ich denke schon, dass ich mal am Abreiteplatz vorbeischauen werde.
Und nein – ich fahre nicht auf die Messe, weil es da Turniere gibt und ich Radau machen will. :roll:
heike61 hat geschrieben:ich frage mich daher: wie ich "gestrickt" sein muß, um eine veranstaltung zu besuchen nur um meinen Unmut kundzutun? :? :?
Von „nur um meinen Unmut kundzutun“ war nie die Rede.
Vielleicht vergisst du einfach mal wieder diesen angeblichen Buh-Ruf-Aufruf von chica, der ein JOKE war, was sie doch geschrieben hat.

Ob nun jemand in der Öffentlichkeit - wie auch immer - Stellung beziehen will oder nicht, darf sowieso jeder selbst entscheiden. ;)

Ich mach hier mal nen Punkt. Ich glaub, es macht nicht viel Sinn, hierüber noch weiter zu diskutieren . :? Wenn man will, kann man einen immer falsch verstehen bzw. immer ein Extrem draus machen. Nix für ungut. ;)
padruga hat geschrieben:Im Übrigen finde ich es noch unmöglicher wenn man seinen Unmut Reitern gegenüber äußert während einem Kurs bei dem man zusehen darf !!!
Bei einem Kurs ist das ganz was anderes und hierzu gebe ich dir auch voll und ganz Recht. :)

Gruß,
greta j.
"Reiten Sie Ihr Pferd glücklich." - Nuño Oliveira

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Mela
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Beitrag von Mela »

Ich bin sehr froh das dieses Thema so offen und weitgehend fair disskutiert wird.
Ich habe vor zwei Wochen bei einer Freundin den Artikel v. Dr. Heuschmann in der neuen Dressurstudie gelesen und war schon sehr über die undifferenzierten und man kann nur sagen unwissenden Aussagen über N. Oliveira entsetzt, ich kann jetzt leider nicht wörtlich zitieren, weil ich das Heft nicht selbst haben, aber für mich kam Sinnmäßig rüber, daß Oliveira den Pferden zwar nicht schadet, aber sein gereite dilettantisch (loser Rücken ohne Schwung) ist. Diese Erkenntnisse bezieht Dr. H. aus Videos aus dem Netz. Er sollt zumindestens solche Aussagen über lebende Reiter machen, die sich dagegen wehren können. Ich würde Dr. H. gerne mal auf einem beliebigen Pferd reiten sehen, daß nur annähernd so schwierig ist, wie die Reittiere, die ein Oliveira ritt.

Muß sagen mein erster Impuls war Empörung, aber selbstverständlich, nach dem ich mich etwas abgekühlt hatte :wink: , habt ihr recht, Dr. H. leistet viel auf dem Gebiet der Tunierreiterei und gegen diese Mißstände aufzutreten erfordert schon sehr viel Mut. Ich verstehe nur nicht, warum er von Dingen spricht oder sogar Artikeln schreibt, von denen er offensichtlich keine (oder zumindestens sehr wenig) Ahnung hat.

Danke auf alle Fälle für den sehr interessanten Bericht.
Liebe Grüße
Mela

Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.
Antoine de Saint-Exupéry

Herr Konrad

Beitrag von Herr Konrad »

Daß die "Klassischen, b.z.w. Barockreiter" mit wie Herr Heuschmann es nennt *losem Rücken* reiten schreibt er doch auch in seiner Veröffentlichung "Finger in der Wunde". S 59, falls es jemanden interessiert!
LG Karin

frieda
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Beitrag von frieda »

Will nicht unwissend erscheinen- aber- was ist ein loser Rücken? Das Gegenteil von einem festen Rücken? Das wäre ja gut, oder?!

LG frieda

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Susanne
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Beitrag von Susanne »

Ich glaube er meint das "Gegenstück" zu dem Spannungsbogen, den man auf einem deutschen Warmblut erzeugen kann, wenn man es dressurmäßig arbeitet.
Liebe Grüße
Susanne
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"Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind."
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Bernie
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Spannungsbogen

Beitrag von Bernie »

Einen Spannungsbogen kann man bei jedem Pferd erzeugen, nicht nur bei deutschen Warmblütern. :wink:

Ansonsten stimme ich Susanne zu, die Muskelanspannung geht mE nicht komplett von der Hinterhand nach vorne durch. Aber eine genaue Definition würde mich interessieren.

lg

Bernie

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Susanne
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Re: Spannungsbogen

Beitrag von Susanne »

Bernie hat geschrieben:Einen Spannungsbogen kann man bei jedem Pferd erzeugen, nicht nur bei deutschen Warmblütern. :wink:
*gg* aber so wußtest Du gleich, was ich meine :lol:. Aber ich denke, daß die Art und die Ausprägung rasse- und typbedingt sind. Also, ein Shetty, welches korrekt läuft sieht anders aus als ein großes Dressurwarmblut
Liebe Grüße
Susanne
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Simbl

Beitrag von Simbl »

Liebe frieda,
H.Heuschmann schreibt in seinem Buch, daß er mit einem losen Rücken ein schwunglos aber unverkrampft laufendes Pferd meint, das den Reiter bequem sitzen läßt.
Was ich auf der S. 59 ein wenig widersprüchlich finde ist, daß er im gleichen Abschnitt schreibt, daß ein solch laufendes Pferd beim Vorwärts-Abwärts auf die Vorhand kommt weil es den Rücken nicht aufwölbt jedoch (und das ist jetzt für mich ein wenig widersprüchlich) dabei keinen Schaden nimmt.
Also ich glaube schon, daß ein kontinuierlich auf der Vorhand laufendes Pferd unter dem Reiter früher oder später Schaden nimmt..........aber wie gesagt : ich zitiere nur zur Erklärung für Dich
LG Simbl

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Jen
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Beitrag von Jen »

Herr Heuschmann weiss wohl selber nciht so genau, was er mti losem Rücken meint. Als ich Anja Beran an unserem Kurs darauf ansprach, was er wohl damit meinte, lachte sie nur und sagte, er habe sie ganz verwirrt angerufen und frage sich nun, warum er von allen Seiten eins auf den Deckel bekäme für diese Aussage... ;) Sie glaube nicht, dass diese Aussage wohldurchdacht sei und er sich zuwenig mit dieser Art klassischer Reiterei beschäftigt habe, um wirklich zu verstehen warum zb. ein Nuno Oliveira so reite, wie er geritten ist. Und zwar sprach sie genau den Spannungsaufbau an: ein Nuno Oliveira baut keine durchgehende Spannung auf, sondern versucht das Pferd die Spannung selber halten zu lassen, wenn diese flöten geht und das Pferd etwas langsamer/schlurfiger/spannungsloser/wie auch immer geht, dann wird es korrigiert. N.O. definiert "Schwung" darüber, wie lange sich ein Pferd quasi von selber an den Hilfen hält, ohne erneute Einwirkung, in der selben Selbsthaltung, Kadenz, TEmpo etc. Ein Heuschmann schaut das Pferd so an: jetzt hat ers... jetzt verliert er's wieder...ah, jetzt holt er's wieder...jetzt ist es ja schon wieder weg... In der "deutschen" Reiterei (ich nenn's jetzt einfach mal so) ist natürlich eine Sünde, wenn man keine durchgehende Spannung aufbaut und die durchgehend erhält, wenn nötig mit "jedem Schritt raustreiben". Dass aber gerade dieses "von selbst Spannung halten können" in der klassischen Reiterei so wertvoll für die Gymnastizierung ist, ist für so einen "deutschen" Reiter schwer zu verstehen.
Liebe Grüesslis, Jen
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Anchy
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Beitrag von Anchy »

Seltsam, daß sich Dr. Heuschmann über dererlei Rückfragen wundert :wink:

Allerdings, wenn ich nicht genau weiß was ich schreibe,bzw. was ich genau damit meine...

Ersteinmal habe ich seine Aussage mit dem losen Rücken nicht so negativ gesehen. Schön, den Freibrief zu bekommen, seinem Pferd nicht zu schaden. Ob es nützt läßt er ja offen .
Deshalb wohl, weil ihm die Erfahrungswerte mit der klassischen Ausbildung und seinen vielfältigen Strömungen fehlen.

Aber, vielleicht gibt es ja bald ein spannenden Gespräch mit Herr Karl und wir bekommen Erleuchtung, wie das den nun gemeint ist, mit dem losen Rücken.

LG
Anchy
Wenn Du es festhalten mußt, hast Du es schon verloren
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LordFado

Beitrag von LordFado »

nur ganz kurz am Rande: auch bei der FN will man Selbsthaltung erreichen MIT aufgewölbtem Rücken - siehe Überstreichen schon ab Klasse A...

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Jen
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Beitrag von Jen »

ja Lordfado, auf dem Papier vielleicht schon. ein bisschen. aber sorry, überstreichen mit dem descente de main(s) et Jambes zu vergleichen ist einfach viel zu kurz gegriffen. Dabei geht es nicht nur um ein paar Tritte/sprünge, sondern es geht darum: so lange wie möglich, die wahre selbsthaltung des Pferdes zu überprüfen und hinauszuzögern, mit der Konsequenz, dass das Pferd diese auch mal verliert. Im Turniersport wärst du gerade weg vom Fenster. Schau dir doch nur mal die Turniere an: es gibt nicht mal eine Rahmenerweiterung bei den verstärkten Gängen. Die Hals-Kopfhaltung bleibt genau gleich übers gesamte Programm ausser beim starken Schritt. Und sowohl Trensen- als auch Kandarenzügel bei den meisten das gesamte Programm über ziemlich gut auf Anschlag... :?
Liebe Grüesslis, Jen
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Bernie
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Selbsthaltung

Beitrag von Bernie »

Guten Morgen!

Jetzt war LordFado schneller. Es wäre schön, wenn man doch - wenn man schon Vergleiche anstellt - bei allen Reitweisen vom Ideal ausgeht. Ich bin wahrlich kein FN-Reiter, aber irgendwie....*gääähn*

Auch in der FN-Reitweise (klingt ein wenig sperrig) = nicht gleich Turnierreiten (dort muss man etwas anderes zeigen) wird die Selbsthaltung erarbeitet und das Pferd wird nicht dauernd mit Hilfen "beieinandergehalten". :wink: Ich denke, der große Unterschied ist einfach, dass bei den Klassikern doch einige Leute zumindest die Theorie verinnerlicht haben, in der FN-Reitweise hapert es hier auch bei vielen. In der Praxis schenken sich beide Reitweisen nicht viel. :wink: Aber ist nur meine pers. Erfahrung in meinem Umfeld.

Bzgl. des losen Rückens: da finde ich Jen's Hintergrundwissen interessant. Dr. Heuschmann muss wohl davon ausgehen, dass Fragen auftauchen, wenn er so etwas in den Raum stellt. Es ist einfach Fakt, dass ein auf der Vorhand gerittenes! Pferd auf Dauer Schaden nimmt.

Da wäre eben eine Definition von ihm sehr interessant.

lg

Bernie

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